Rekonstruktive Mikrochirurgie
Handchirurgie und Replantation
Die Hand ist das Organ, mit dem wir arbeiten, berühren und uns ausdrücken. Nach einer Verletzung ist nicht die Wundheilung der Maßstab, sondern die Rückkehr der Funktion. Bei einer Abtrennung entscheiden die ersten Stunden — sie sind wertvoller als alles, was danach kommt.
Verfasst und medizinisch geprüft von: Doç. Dr. Tahsin Oğuz Acartürk — Plastische, Rekonstruktive & Ästhetische Chirurgie; University of Pittsburgh. Zuletzt aktualisiert:
Was bei einer Abtrennung zu tun ist
Bei einer Abtrennung von Finger oder Hand bestimmt das Vorgehen in den ersten Minuten unmittelbar die Erfolgsaussicht der Replantation.
- 1 — BLUTUNG STILLENDie Wunde mit einem sauberen Tuch abdrücken und die Hand hochhalten. Keine Aderpresse anlegen, wenn es nicht unbedingt nötig ist.
- 2 — DEN ABGETRENNTEN TEIL FINDENAuch stark beschädigte Teile mitnehmen — sie können als Gewebequelle dienen.
- 3 — RICHTIG VERPACKENIn ein leicht angefeuchtetes sauberes Tuch wickeln, in einen dichten Beutel geben und den Beutel in Eiswasser legen.
- 4 — NICHT DIREKT AUF EISDer abgetrennte Teil darf Eis nicht direkt berühren. Direkter Kontakt führt zu Erfrierungsschäden und macht die Replantation unmöglich.
- 5 — SOFORT IN DIE KLINIKIn ein Zentrum mit mikrochirurgischer Erfahrung. Zeit ist der wichtigste Faktor.
Zeitfenster: Ein Finger ohne Muskelgewebe verträgt etwa 12 Stunden gekühlte Ischämiezeit. Bei Hand und Unterarm mit Muskelanteil verkürzt sich diese Zeit auf 6 Stunden. Je früher die Vorstellung erfolgt, desto besser das Ergebnis.
Ablauf der Replantation
Bei der Replantation wird ein abgetrenntes Glied in einer bestimmten Reihenfolge wieder angeschlossen: zuerst der Knochen als Gerüst, dann die Durchblutung und zuletzt die Funktion.
- Knochenstabilisierung: Fixierung mit Draht oder Platte
- Sehnennaht: Wiederherstellung von Beuge- und Strecksehnen
- Arterienanschluss: Naht unter dem Mikroskop — hier kehrt die Durchblutung zurück
- Venenanschluss: für den Rückfluss unverzichtbar; sein Fehlen führt zum Stau
- Nervennaht: für die Rückkehr von Gefühl und Bewegung
- Hautverschluss: bei Bedarf mit Transplantat oder Lappen
Nicht jede Abtrennung ist replantierbar. Bei ausgedehnter Quetschung, langer warmer Ischämiezeit oder mehrfacher Zerstückelung kann eine Replantation aussichtslos sein. In solchen Fällen wird eine Rekonstruktion geplant, die mehr Funktion erhält.
Weitere handchirurgische Eingriffe
- Sehnenverletzungen: Beuge- und Strecksehnennaht, sekundäre Sehnenrekonstruktion
- Nervenverletzungen: Nervennaht, Nerventransplantat und Nerventransfer
- Zehen-Hand-Transfer: mikrochirurgische Übertragung einer Zehe bei Daumenverlust
- Weichteildefekte: Deckung mit lokalen oder freien Lappen
- Kontrakturen und Narben: Wiederherstellung der Beweglichkeit bei Bewegungseinschränkung
Zehen-Hand-Transfer
Der Daumen erbringt etwa 40% der Handfunktion. Bei Daumenverlust und fehlender Replantationsmöglichkeit wird eine Zehe mitsamt Gefäßen, Nerven und Sehnen an die Hand übertragen. Die Gangfunktion bleibt erhalten, die Greiffunktion der Hand wird wiederhergestellt.
Handtherapie und Ergebnis
In der Handchirurgie erbringt die Operation nur die Hälfte des Ergebnisses; die andere Hälfte leistet die Handtherapie. Ohne Therapie führen Sehnenverklebungen und Gelenksteifen dazu, dass eine technisch gelungene Operation funktionell scheitert.
- Ein geschützter Bewegungsplan beginnt in der Regel in den ersten Wochen
- Die Rückkehr des Gefühls erstreckt sich über Monate — der Nerv wächst etwa 1 mm pro Tag
- Die Kälteempfindlichkeit ist in den ersten 1–2 Jahren ausgeprägt und lässt mit der Zeit nach
- Die Rückkehr in den Beruf hängt von der Art der Tätigkeit ab und wird schrittweise geplant
Häufige Fragen
Wie lange bleibt ein abgetrennter Finger replantierbar?
Ein Finger verträgt gekühlt etwa 12 Stunden. Bei Hand und Unterarm mit Muskelgewebe verkürzt sich diese Zeit auf 6 Stunden. Bei richtiger Kühlung verlängert sich das Fenster, doch bleibt frühe Vorstellung entscheidend.
Wie wird der abgetrennte Teil transportiert?
In ein leicht angefeuchtetes sauberes Tuch wickeln, in einen dichten Beutel geben und den Beutel in Eiswasser legen. Der Teil darf Eis niemals direkt berühren — direkter Kontakt macht die Replantation unmöglich.
Funktioniert der replantierte Finger normal?
Vollständig normal in der Regel nicht. Ziel ist eine nützliche Funktion: Greifen, Halten, Gefühl. Die Kälteempfindlichkeit hält in den ersten Jahren an. Das Ergebnis hängt von Verletzungsart und Therapietreue ab.
Kehrt das Gefühl zurück?
Der genähte Nerv wächst etwa 1 mm pro Tag. Das Gefühl kehrt über Monate zurück, meist nicht auf das ursprüngliche Niveau, aber ausreichend für den Gebrauch.
Ist eine Replantation immer möglich?
Nein. Bei ausgedehnter Quetschung, langer warmer Ischämiezeit oder mehrfacher Zerstückelung kann sie aussichtslos sein. In solchen Fällen liefert eine funktionserhaltende Rekonstruktion das bessere Ergebnis.
Wie lange ist die Rückkehr in den Beruf?
Bei Bürotätigkeit einige Wochen, bei körperlicher Arbeit mehrere Monate. Der Zeitplan wird nach Verletzung und Fortschritt der Handtherapie individuell festgelegt.
Doç. Dr. Tahsin Oğuz Acartürk
Plastische, Rekonstruktive & Ästhetische Chirurgie · Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie · University of Pittsburgh

Erfahrung in diesem Bereich: Die Handchirurgie ist eines der Gebiete, in denen sich mikrochirurgische Erfahrung am unmittelbarsten in Funktion übersetzt. Doz. Dr. Acartürk verfügt über 300+ mikrochirurgische Eingriffe und drei Jahre allgemeinchirurgische Ausbildung vor der plastischen Chirurgie; er ist mit Gefäß- und Nervennaht ebenso vertraut wie mit der Versorgung des Traumapatienten insgesamt.
- 300+ mikrochirurgische Eingriffe
- Drei Jahre allgemeinchirurgische Ausbildung
- Erfahrung in Extremitätenrekonstruktion an der University of Pittsburgh
Beurteilung in der Handchirurgie
Teilen Sie uns mit, wann und wodurch die Verletzung entstanden ist und welche Behandlungen bisher erfolgten; senden Sie nach Möglichkeit Fotos und Befunde. Bei einer akuten Abtrennung suchen Sie bitte unverzüglich die nächste Notaufnahme auf.