Mikrochirurgie-Programm
Was ist ein Lymphödem und wie wird es behandelt?
Das Lymphödem ist keine Erkrankung, die lebenslang allein mit Bandagen und Lymphdrainage verwaltet werden muss. Es ist eine Erkrankung, die bereits im Frühstadium mikrochirurgisch behandelt werden kann. Diese Seite beantwortet Ihre Fragen zu Stadien, Diagnostik, operativen Möglichkeiten und Heilungsverlauf.
Verfasst und medizinisch geprüft von: Doç. Dr. Tahsin Oğuz Acartürk — Plastische, Rekonstruktive & Ästhetische Chirurgie; University of Pittsburgh. Zuletzt aktualisiert:
Was ist ein Lymphödem und warum entsteht es?
Das Lymphsystem ist ein feines Kanalnetz, das eiweißreiche Flüssigkeit aus dem Gewebe sammelt und in den Kreislauf zurückführt. Ist dieses Netz blockiert oder geschädigt, sammelt sich Flüssigkeit im Gewebe; die daraus entstehende dauerhafte Schwellung nennt man Lymphödem.
Hauptursachen
- Sekundäres Lymphödem: entsteht nach Entfernung von Lymphknoten im Rahmen einer Krebsoperation, nach Bestrahlung, wiederkehrenden Infektionen oder Verletzungen. Dies ist die häufigste Form; das Armlymphödem nach Brustkrebs ist das typische Beispiel.
- Primäres Lymphödem: beruht auf einer angeborenen Unterentwicklung des Lymphsystems. Es kann bei Geburt, in der Pubertät oder im Erwachsenenalter auftreten.
Mit der Zeit ist die Schwellung nicht mehr nur eine Frage des Aussehens: Es kommt zu Fetteinlagerung und Fibrose, die Haut verdickt sich, wiederkehrende Erysipel-Schübe beginnen und die Beweglichkeit wird eingeschränkt. Der Zeitpunkt bestimmt daher unmittelbar, welche Behandlungsmöglichkeiten bestehen.
Das Ansprechen auf mikrochirurgische Eingriffe im Frühstadium, solange die Lymphbahnen noch funktionieren, ist deutlich besser als nach eingetretener Gewebeverhärtung. Abwarten verringert die Optionen.
Lymphödem oder Lipödem?
Beide Krankheitsbilder werden häufig verwechselt, ihre Behandlung unterscheidet sich jedoch. Die folgende Tabelle bietet einen Orientierungsrahmen; eine sichere Abgrenzung ist nur durch ärztliche Untersuchung möglich.
| Befund | Lymphödem | Lipödem |
|---|---|---|
| Symmetrie | Meist asymmetrisch; eine Seite deutlich stärker geschwollen | Typischerweise symmetrisch; beide Seiten ähnlich |
| Fußbeteiligung | Schwellung reicht bis Fußrücken und Zehen | Schwellung endet am Knöchel — Manschettenzeichen; Füße bleiben frei |
| Haut und Gewebe | Haut gespannt; Dellen bei Druck möglich | Gewebe weich und knotig; oft druckschmerzhaft |
| Schmerz | Schwere- und Spannungsgefühl im Vordergrund | Druckschmerz und leichte Hämatombildung ausgeprägt |
| Bezug zum Gewicht | Diät und Gewichtsabnahme beheben die Schwellung nicht | Fettdepots widerstehen der Gewichtsabnahme |
| Stemmer-Zeichen | Meist positiv | Meist negativ |
| Beginn | Nach Operation, Bestrahlung oder Infektion | Oft in Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause |
Beide können auch gemeinsam vorliegen. Ein unbehandeltes Lipödem erhöht mit der Zeit die lymphatische Last und kann zu einem kombinierten Bild führen, dem Lipo-Lymphödem. Einzelheiten finden Sie auf unserer Seite zur Lipödemchirurgie.
Stadien des Lymphödems
Die Stadieneinteilung der International Society of Lymphology (ISL) ist der Rahmen, der bestimmt, welche operative Option infrage kommt.
| Stadium | Befunde | Operatives Vorgehen |
|---|---|---|
| Stadium 0 | Die lymphatische Transportkapazität ist vermindert, es besteht jedoch keine sichtbare Schwellung. Nachweis durch Bildgebung. | LVA — vorbeugend und am wirksamsten |
| Stadium 1 | Die Schwellung nimmt im Tagesverlauf zu und geht bei Hochlagerung teilweise zurück. Dellen bei Druck. | LVA |
| Stadium 2 | Die Schwellung geht bei Hochlagerung nicht zurück. Das Gewebe verhärtet, das Infektionsrisiko steigt. | LVA und/oder Lymphknotentransfer |
| Stadium 3 | Deutliche Volumenzunahme, verdickte Haut, wiederkehrende Erysipele. Elephantiasis möglich. | Lymphknotentransfer + Reduktionschirurgie |
Grundlinie: In den Stadien 0–2 steht die LVA im Vordergrund, soweit die Lymphbahnen erhalten sind. In den Stadien 2–3 werden vaskularisierter Lymphknotentransfer und Reduktionschirurgie einzeln oder kombiniert geplant. Die endgültige Entscheidung fällt zusammen mit den Bildgebungsbefunden.
Diagnostik und Lymphmapping
Eine operative Planung ist nicht möglich, ohne den tatsächlichen Zustand des Lymphsystems zu kennen. Die wichtigsten Verfahren:
- ICG-Lymphographie: Der unter die Haut gespritzte Farbstoff Indocyaningrün wird mit einer Infrarotkamera verfolgt. Sie liefert eine Echtzeitkarte funktionierender Lymphbahnen und dient der Festlegung der LVA-Schnitte.
- Lymphszintigraphie: Beurteilung des Lymphflusses und der Lymphknotenbeteiligung mit einem radioaktiv markierten Tracer. Eines der Referenzverfahren zur Stadieneinteilung.
- MR-Lymphangiographie: Detaillierte anatomische Darstellung der Lymphbahnen und der Flüssigkeitsverteilung. Bevorzugt bei fortgeschrittenen und komplexen Fällen.
- Klinische Beurteilung: Umfangmessungen, Stemmer-Zeichen, Hautqualität, Infektionsanamnese und bisheriges Therapieansprechen.
Operative Verfahren
Die Lymphödemchirurgie teilt sich in zwei Ansätze: physiologische Verfahren, die den Lymphabfluss wiederherstellen, und reduzierende Verfahren, die angesammeltes Gewebe entfernen. Bei vielen Patientinnen und Patienten werden beide schrittweise kombiniert.
Lymphovenöse Anastomose (LVA)
Blockierte Lymphbahnen werden unter dem Mikroskop mit benachbarten Venen von etwa 0,3–0,8 mm Durchmesser verbunden. Die Lymphflüssigkeit wird so in den venösen Kreislauf abgeleitet. Der Eingriff erfolgt meist über wenige Zentimeter kleine Schnitte, ist im Frühstadium die schonendste physiologische Option und erfordert bei den meisten Patienten nur einen kurzen Aufenthalt.
Vaskularisierter Lymphknotentransfer (VLNT)
Ein Lymphknotenpaket wird mit seiner Gefäßversorgung aus einer gesunden Spenderregion entnommen, in das betroffene Gebiet übertragen und mikrochirurgisch angeschlossen. Bevorzugt bei fortgeschrittenen Stadien und ausgedehnter Schädigung der Lymphbahnen; die Planung kann zeitgleich mit einer Brustrekonstruktion erfolgen.
Reduktionschirurgie
Entfernung von eingelagertem Fett und fibrotischem Gewebe mit lymphgefäßschonenden Liposuktionstechniken. Sie verringert Volumen und Gewicht im fortgeschrittenen Stadium deutlich; danach ist die Kompressionsversorgung dauerhaft erforderlich.
Vorbeugender Ansatz (LYMPHA)
Lymphovenöse Verbindungen, die während der Krebsoperation zeitgleich mit der Lymphknotenentfernung angelegt werden. Ziel ist die Risikominderung, bevor ein Lymphödem entsteht. Die Planung erfolgt gemeinsam mit dem onkologischen Operationsteam.
Kein Verfahren ist für jede Patientin und jeden Patienten das richtige. Selbst bei zwei Betroffenen im gleichen Stadium kann das Lymphmapping einen anderen Plan erfordern. Die Wahl folgt einer gemeinsamen Beurteilung von Stadium, Bildgebung, Vorbehandlungen, Hautqualität und Erwartungen.
Operation und Heilungsverlauf
- SCHRITT 1 — ERSTKONTAKTErster Kontakt per WhatsApp oder Formular. Erste Einschätzung anhand der Dauer, früherer Operationen, der Bestrahlungsanamnese und eventueller Bilder.
- SCHRITT 2 — UNTERSUCHUNG UND BILDGEBUNGUmfangmessungen, klinische Beurteilung und bei Bedarf Lymphmapping mittels ICG-Lymphographie oder Lymphszintigraphie.
- SCHRITT 3 — PLANUNGSGESPRÄCHMögliche Verfahren, erwarteter Nutzen, Risiken und Anzahl der Sitzungen werden offen besprochen. Die Entscheidung wird nicht übereilt.
- SCHRITT 4 — OPERATIONUnter vollständigen Klinikbedingungen. Die LVA erfordert meist nur einen kurzen Aufenthalt; bei Lymphknotentransfer und Reduktionschirurgie ist er länger.
- SCHRITT 5 — ERSTE 6 WOCHENKompressionsversorgung, Wundpflege und schrittweise Mobilisation. Erste Veränderungen der Schwellung werden in diesem Zeitraum spürbar.
- SCHRITT 6 — 3–12 MONATEDas Ansprechen wird durch geplante Kontrollen und Umfangmessungen verfolgt. Die Intensität der Lymphödem-Physiotherapie wird schrittweise angepasst.
Für Patientinnen und Patienten aus dem Ausland: Die Vorabbeurteilung erfolgt über eine Online-Beratung und die von Ihnen gesendeten Bilder. Operation und Kontrolltermine werden zu einem einzigen Reiseplan zusammengefasst; die weitere Nachsorge erfolgt online.
Häufige Fragen
Für wen kommt eine Lymphödemoperation infrage?
Die Eignung richtet sich nach dem Stadium, dem Zustand des Lymphsystems in der Bildgebung, der Dauer der Schwellung, der Hautqualität und dem Allgemeinzustand. Im Frühstadium (ISL 0–2) steht die LVA im Vordergrund, im fortgeschrittenen Stadium kommen Lymphknotentransfer und reduzierende Verfahren infrage. Eine laufende Krebstherapie, eine unkontrollierte Infektion oder eine fortgeschrittene Gefäßerkrankung können den Zeitpunkt verändern.
Muss ich nach der Operation weiterhin Kompressionsstrümpfe tragen?
Die meisten Patientinnen und Patienten tragen in der ersten Zeit weiterhin Kompression. Tragedauer und Kompressionsklasse können mit der Zeit reduziert werden; ob ganz darauf verzichtet werden kann, hängt von Stadium, Verfahren und Ansprechen ab. Nach einer LVA im Frühstadium wird über eine geringere Abhängigkeit berichtet.
Wie lange dauert die Heilung?
Nach einer LVA kehren die meisten Patienten innerhalb weniger Tage in den Alltag zurück. Nach Lymphknotentransfer und Reduktionschirurgie dauert die Heilung länger. Die Abnahme der Schwellung erfolgt nicht plötzlich, sondern über Wochen und Monate; deshalb sind Verlaufsmessungen wichtig.
Wann sollte ich mich bei Armschwellung nach Brustkrebs vorstellen?
Sobald Sie eine Zunahme des Armumfangs, ein Schweregefühl oder ein Spannen von Ringen und Uhren bemerken, sollten Sie ohne Verzögerung untersucht werden. Früh durchgeführte mikrochirurgische Eingriffe sind deutlich wirksamer als eine Behandlung nach eingetretener Gewebeverhärtung.
Geht ein Lymphödem ohne Operation zurück?
Komplexe physikalische Entstauungstherapie, Bandagen und Kompressionsversorgung helfen, die Schwellung zu kontrollieren, und sind unverzichtbarer Teil der Behandlung. Sie beseitigen jedoch nicht die Blockade im Lymphabfluss. Die Chirurgie ist ein ergänzender Schritt, der das zugrunde liegende Abflussproblem angeht.
Werden meine Erysipel-Schübe seltener?
Angesammelte Lymphflüssigkeit erhöht das Infektionsrisiko. Mit verbessertem Abfluss wird über eine geringere Häufigkeit wiederkehrender Erysipele berichtet. Dies ist jedoch individuell und stadienabhängig und kann nicht garantiert werden.
Beide Beine sind betroffen — wird das in einer Sitzung gemacht?
Das hängt von der Ausdehnung des betroffenen Gebiets und dem geplanten Verfahren ab. Große Areale werden aus Sicherheits- und Heilungsgründen meist auf mehrere Sitzungen verteilt.
Sind Lymphödem und Lymphom dasselbe?
Nein. Das Lymphödem ist eine Abflussstörung durch Ansammlung von Lymphflüssigkeit im Gewebe. Das Lymphom ist eine Krebserkrankung des Lymphsystems und wird von Hämatologie und Onkologie behandelt. Die Ähnlichkeit der Begriffe führt häufig zu Verwechslungen.
Doç. Dr. Tahsin Oğuz Acartürk
Plastische, Rekonstruktive & Ästhetische Chirurgie · Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie · University of Pittsburgh

Erfahrung in diesem Bereich: Die Lymphödem-Mikrochirurgie ist das technisch anspruchsvollste Gebiet der plastischen Chirurgie: das Verbinden von Lymphbahnen mit 0,3–0,8 mm Durchmesser mit Venen unter dem Mikroskop. Doz. Dr. Acartürk führte als Direktor für Kopf-Hals-Rekonstruktion an der University of Pittsburgh über 300 mikrochirurgische Eingriffe durch; er nimmt an den Arbeiten der europäischen lymphatischen Mikrochirurgie-Gruppe teil und hat auf dem Weltkongress für Lymphologie vorgetragen.
- Ehem. Direktor für Kopf-Hals-Rekonstruktion, University of Pittsburgh — 300+ mikrochirurgische Fälle
- Teilnahme an der europäischen Gruppe für lymphatische Mikrochirurgie
- Senkung der mikrochirurgischen Lappenverlustrate auf 3% — gegenüber 5% im weltweiten Mittel
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